Bericht zum Vortrag "Katalanen beweisen Mut zur Freiheit"

Kategorie: Südtiroler Schützenbund

Von: SSB - Online Team
Samstag, 29. Mai 2010

Quim Arrufat, ein junger Katalane, berichtet über die Unabhängigkeitsbewegung in seinem Land.

BOZEN - Zu einem äußerst interessanten Vortrag hat am Mittwoch, den 26. Mai 2010, die überparteiliche Arbeitsgruppe für Selbstbestimmung und der Südtiroler Schützenbund geladen. Im voll besetzten Kolpinghaus in Bozen erläuterte der erst 27 Jahre alte Katalane Quim Arrufat in fließendem Deutsch die ethnische und politische Situation der Katalanen in Spanien.

Der Politologe Quim Arrufat arbeitet in Barcelona im CIEMEN, dem Internationalen Zentrum für ethnische Minderheiten und Nationen, und ist dort für internationale Beziehungen und Solidarität zuständig. In dieser Funktion arbeitet er regelmäßig mit internationalen Netzwerken für die Anerkennung der Rechte der Völker, u.a. mit dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen oder dem Weltsozialforum zusammen.

Arrufat beherrscht neben dem Katalanischen und dem Spanischen auch Deutsch, Französisch, Englisch, Arabisch und Türkisch.

In seinem Referat ging Quim Arrufat aus Zeitgründen nicht auf die Geschichte Kataloniens ein, das seit 300 Jahren von Spanien besetzt und unterdrückt wird und in dem 270 Jahre lang die Sprache verboten war, sondern er erläuterte die derzeitige ethnisch-politische Situation und die Zukunftsperspektiven der katalanischen Nation.

Katalonien mit der Hauptstadt Barcelona ist eine Autonome Gemeinschaft im Nordosten der iberischen Halbinsel zwischen der Mittelmeerküste und den Pyrenäen und hat über 7 Mio. Einwohner (vergleichbar mit der Schweiz). Katalanen leben außerdem im Zwergstaat Andorra (Amtssprache Katalanisch), in Frankreich und auf den Balearen.

Seit 1978 hat Katalonien ein Autonomiestatut, das 2006 erweitert wurde. Die Mehrheit der katalanischen Parteien strebt aber nach einer Unabhängigkeit der katalanischen Nation.

Um dieses Vorhaben voranzutreiben, wurde 2006 eine große Demonstration organisiert ("Wir sind eine Nation, und wir haben das Recht zu entscheiden"), an der über 1. Mio. Menschen teilnahmen.

In einer symbolischen Volksabstimmung, die seit Dezember 2009 läuft und die mittlerweile in 450 Gemeinden durchgeführt wurde, nahmen etwa 45 % der Bevölkerung Kataloniens teil, wobei 96,2 % der Wähler für eine Unabhängigkeit stimmten.

Da sich die Katalanen aber als Kulturnation, nicht nur als Sprachnation sehen, dürfen alle abstimmen, die in Katalonien ihren Wohnsitz haben, auch Spanier und Zuwanderer. Katalonien ist ein traditionelles Zuwanderungsland, und in den vergangenen 10 Jahren sind 1,3 Mio. Immigranten ins Land gekommen, v.a. aus Spanien, Argentinien und Marokko.

Um eine doppelte Stimmabgabe zu unterbinden, wird ein ausgeklügeltes Computersystem eingesetzt, wobei alle Computer in allen Wahllokalen Kataloniens vernetzt sind. Bisher haben an den symbolischen Abstimmungen 57.000 Freiwillige mitgearbeitet, also mehr als bei den Olympischen Sommerspielen in Barcelona 1992.

Die Initiative zu dieser symbolischen Volksabstimmung ging vom kleinen Dorf Arenys de Munt aus, wo die erste Volksbefragung erfolgte. Um ihre Zustimmung zu dieser Initiative zu bekunden und das Referendum zu begleiten, kamen 30.000 Menschen nach Arenys de Munt. Angekündigt war aber auch eine Gegendemonstration, wobei es der Staat Spanien als notwendig erachtete, diese 70 faschistischen Demonstranten von 1.000 spanischen Polizisten "beschützen" zu lassen.

Trotz einiger organisatorischer Schwierigkeiten "“ für diese symbolische Volksbefragung dürfen weder die offiziellen Wählerlisten verwendet noch öffentliche Gebäude benützt werden, und die Wahlwerbung darf nur eine Aufforderung zum Wählen, nicht aber zu einem Ja zur Unabhängigkeit beinhalten, "“ ist diese Abstimmung bereits jetzt ein großer Erfolg. Durch diese Initiative wird in jedem Dorf und auf jeder Straße über die Möglichkeit einer Unabhängigkeit gesprochen, und sogar ältere Menschen, die noch die Zeit der Verfolgung und der Folter erlebt haben, trauen sich, offen darüber zu reden.

Mit Spannung wird bereits die Abstimmung in der Hauptstadt Barcelona erwartet, die 2011 erfolgen wird.

In einer regen anschließenden Diskussion wurden Vergleiche zu unserem Land und zu anderen Minderheitenregionen wie das Baskenland gezogen und Perspektiven verglichen.

Rund 120 Personen sind der Einladung des Südtiroler Schützenbundes gefolgt.
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