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FAZ warnt vor blauem Wunder in Südtirol

Kategorie: Südtiroler Schützenbund, Referate, Bildung

Von: SSB - Online Team
Freitag, 16. Dezember 2011

BOZEN/FRANKFURT - Ein beachtenswerter Artikel zur aktuellen Lage in Südtirol ist in der heutigen Ausgabe der FAZ erschienen.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) ist übrigens eine überregionale deutsche Tageszeitung. Die verkaufte Auflage beträgt 360.677 Exemplare. Die Zeitung hat die höchste Auslandsverbreitung aller deutschen Zeitungen, sieht man von Boulevardzeitungen ab. Die Linie der Zeitung wird nicht von einem Chefredakteur, sondern von den fünf Herausgebern kollegial bestimmt. Die FAZ spielt in vielen gesellschaftspolitischen Diskussionen eine meinungsbildende Rolle und löste sie öfter grundlegend aus. So veröffentlichte sie etwa wesentliche Debattenbeiträge des Historikerstreits, unter anderem von Ernst Nolte und Michael Stürmer, zuerst. Sie stieß auch die Debatte über Martin Walsers Roman Tod eines Kritikers an, als Frank Schirrmacher einen Vorabdruck verweigerte  - der Vorabdruck von Walsers Romanen hatte eine gewisse Tradition in der FAZ -, jedoch in Form eines offenen Briefs eine ausführliche Begründung dafür veröffentlichte, die der Rezension eines noch nicht veröffentlichten Buchs gleichkam. 2006 sorgte ein Interview für Aufregung, das Günter Grass der FAZ bereitwillig gegeben hatte und in dem er kurz vor der Veröffentlichung seiner Memoiren erstmalig öffentlich von seiner Waffen-SS-Mitgliedschaft berichtete.

In jüngerer Zeit klinkt sich einer der Herausgeber der Zeitung, Frank Schirrmacher, mit einer Reihe von Artikeln und Büchern (Das Methusalem-Komplott) immer wieder in die laufende Diskussion über die Überalterung der deutschen Gesellschaft und die damit einhergehenden sozialen, wirtschaftlichen, politischen und auch städtebaulichen Konsequenzen ein (Quelle: Wikipedia)

Nachstehend nun der Artikel:

„Frankfurter Allgemeine Zeitung“/Nr. 293,  vom 16.12.2011 – Bereich: Politik – Seite: 10

Los von Rom?

Euro- und Italien-Krise lassen in Südtirol die Selbstbestimmungs-Debatte wiederaufleben / Von Reinhard Olt

Eine Möglichkeit wäre die Gewährung der österreichischen Staatsbürgerschaft für die Südtiroler.

WIEN, im Dezember – Die Staatsschuldenkrise in der EU zeitigt Folgen anderer Art, die außerhalb ihres Wirkungsgebiets noch kaum wahrgenommen werden. So gewinnt, sozusagen im Schatten, den die Lichtquellen der europäischen Öffentlichkeit werfen, unterm Brenner eine Diskussion darüber an Breite, ob der Ende des Ersten Weltkriegs von Italien annektierte und diesem im Friedensvertrag von St.-Germain-en-Laye zugeschlagene südliche Landesteil Tirols im Stiefelstaat verbleiben oder seine Zukunft anderswo suchen sollte. Schon einmal, im Zuge der Wiedervereinigung Deutschlands, war eine ernstzunehmende Debatte darüber in Gang gekommen, ob die Südtiroler – bei Wahrnehmung des Selbstbestimmungsrechts – darüber befinden können sollten, für ihr Land, das als Autonome Provinz Bozen-Südtirol auch nach dem Zweiten Weltkrieg bei Italien verblieb, (vorerst) nach einer Freistaatslösung zu streben (und später) oder sogleich nach Österreich rückgegliedert und also mit Nordtirol zu vereinigen sei. Und mit den Andreas-Hofer-Feiern 2009, im Gedenken an die Tiroler Volkserhebung 1809, erhielt sie abermals Auftrieb. Die damalige Antwort, gegeben von den politischen Kräften, die in Bozen, Innsbruck, und Wien zu bestimmen haben – der römische Standpunkt war, ohne ihn sonders zu erfragen, ohnedies klar – lautete: Mit der Erweiterung der EU durch die Mitgliedschaft Österreichs (1995) und dem mittels Schengen vollzogenen Entfernen der Schlagbäume verliere der Brenner seinen Charakter als „Unrechtsgrenze“. Mit dem Wegfall von Grenzkontrollen sowie der grenzüberschreitenden Kooperation, mit gemeinsamen Landtags- sowie Regierungssitzungen und dergleichen mehr wachse wieder zusammen, was einst getrennt worden war. Die Landeseinheit erwachse daher gleichsam aus dem Prozess ihrer Europäisierung. Und die seit 1945 in Bozen regierende Sammelpartei SVP sah statt in der Ausrufung des – nachgerade in ihrem Parteistatut verankerten – Selbstbestimmungsrechts sowie den Freistaats- und/oder Rückgliederungsgelüsten, wie sie vornehmlich die Opposition auch in Innsbruck und Wien propagierte, die Zukunft des Landes(teils) in der „Dynamisierung seiner Autonomie“.

Heute ist die Lage eine andere. Nicht dass die SVP ihre Haltung verändert hätte. Sie hat aber merklich an Strahlkraft eingebüßt, und ihre Position im Südtiroler Landtag ist seit der Landtagswahl 2008 geschwächt, wo sie nurmehr über 18 von 35 Sitzen verfügt. Mitunter lässt sie sich auf Händel mit italienischen Parteien ein, die ihr früher nicht in den Sinn gekommen wären und die geeignet sind, den Oppositionsparteien und deren Begehr weiteren Zulauf zu garantieren. Der wird gegenwärtig von einem Skandal im Landesenergieversorger SEL AG befördert, dessen personelle Verflechtungen mit der SVP ihr schaden. In der Zukunftsfrage plädieren die „deutschen“ Oppositionsparteien – Freiheitliche (fünf Sitze), Süd-Tiroler Freiheit (zwei Sitze) und Union für Südtirol (ein Sitz) – für einen „Freistaat Südtirol“ oder für „Rückkehr zum Vaterland Österreich“; jedenfalls verbindet sie trotz Nuancen in der politischen Betrachtung und gelegentlicher Reibereien zwischen Personen das „Los von Rom“. Hinter derartige Forderungen stellt sich ein großer Teil der – parteipolitisch neutralen – Schützen, jener traditionsreichen Verbände, die in beiden Landesteilen verankert sind und ihre Heimattreue seit dem Maximilianischen Landlibell von 1511, in welchem die Freiheiten (der Stände) Tirols kodifiziert wurden, beweisen. Darauf berufen sich eigentlich auch alle Landtagsparteien – außer den italienischen und den „interethnischen“ Grünen in Südtirol. Auch unter der Südtiroler Jugend finden separatistische Anwandlungen Gehör, und sogar in Verbänden Wirtschaftstreibender wird die Option eines selbstbewussten, eigenständigen „Südtirol außerhalb Italiens“ nicht (mehr) verworfen. Ganz offen sprechen Handeltreibende, Touristiker, Industrielle und Handwerker darüber, dass sie, je mehr sich die „Krise Italiens auswächst“, ihre unternehmerische Zukunft „anders ausrichten“. Nicht wenige investieren vermehrt in Österreich und Deutschland.

Das Ziel, „nicht in den Sog der Krise Italiens“ zu geraten, drückt sich denn auch in einem unlängst gefassten Landtagsbeschluss aus, in dem es heißt, man werde sich jeder weiteren finanziellen Belastung und Beschneidung der erworbenen Rechte des Landes Südtirol durch Sparmaßnahmen der italienischen Regierung widersetzen. Für die Opposition ist das aber entschieden zu wenig. Sie verlangt den generellen Befreiungsschlag. Und im Nationalrat zu Wien ließ die FPÖ verlauten, Österreich müsse „Südtirol die Möglichkeit geben, sich dem italienischen Abwärtsstrudel zu entziehen“. Eine erste Möglichkeit sei die Gewährung der Staatsbürgerschaft für Südtiroler. In Wien wie in Bozen wird auf das Beispiel Ungarns verwiesen: Budapest verleiht allen ethnischen Ungarn außerhalb des Landes, die sie beantragen und ihr Magyarentum nachweisen, die Staatsbürgerschaft. Das ist in der EU strittig, und in Wien hat das Innenministerium Bedenken. Doch in einem Gutachten des Innsbrucker Rechtswissenschaftlers Günther Obwexer und in Stellungnahmen des Verfassungsdienstes des Bundeskanzleramts wird die Möglichkeit der entsprechenden Gesetzesanpassung und also Erteilung der Staatsbürgerschaft, für die eine Bürgerinitiative 22 000 Unterschriften sammelte und für die auch die SVP-Führung Sympathie signalisierte, für rechtskonform gehalten. Insofern ist „die doppelte Staatsbürgerschaft für Südtiroler nur noch eine Frage des politischen Willens“, den aber SVP und österreichische Regierung „doch nicht aufzubringen gewillt“ seien, lassen die Oppositionsparteien verlauten.

Unlängst hat die Süd-Tiroler Freiheit zudem in der Gemeinde Ahrntal – sie besteht aus mehreren Ortschaften und hat knapp sechstausend Einwohner – ein „Selbstbestimmungs-Referendum“ organisiert. Dabei sprachen sich 95 Prozent derer, die daran teilnahmen, für die Einforderung und Anwendung des Selbstbestimmungsrechts aus. Bei einer Beteiligung von nur 31 Prozent der Wahlberechtigten kann von Repräsentativität nicht gesprochen werden, zumal sich der Wahlerfolg der Partei Süd-Tiroler Freiheit bei der Kommunalwahl in dieser Gemeinde (2010) prozentual mit diesem Ergebnis nahezu deckt, woraus hervorgeht, dass offenkundig lediglich ihre Anhänger am Referendum teilnahmen. Doch so anfechtbar das Ergebnis auch sein mag, es gänzlich zu negieren wäre fahrlässig. Denn den Charakter eines Stimmungsbarometers trägt es. Würden auch die beiden anderen Oppositionsparteien bei einem landesweiten Referendum mitmachen, so es in der EU bei den Staatsschulden zur krisenhaften Zuspitzung mit Folgen für den Euro käme, wobei just im Blick auf Italien nicht mit einer wirtschafts- und finanzpolitischen Erholung zu rechnen wäre, so geriete auch die SVP unweigerlich in den Sog des Begehrens „Los von Rom“. Sie könnte sich dem Selbstbestimmungsverlangen wohl nicht länger mit der Begründung entziehen, Voraussetzung dafür sei, dass Rom völkerrechtliche Verträge missachte und zu seiner Durchsetzung – nach positivem Ausgang – der Wille und die Kraft Österreichs vonnöten sei, des Vertragspartners Italiens. Beides ist nicht gar so irreal, wie es noch scheinen mag. In Österreich dürfte, wenn die Koalition aus SPÖ und ÖVP weitermacht wie bisher, die Kanzlerschaft des FPÖ-Chefs Heinz-Christian Strache in Reichweite stehen. Der war gerade in Südtirol und hat „jedwede Unterstützung für die Selbstbestimmung“ bekundet. Mit der Vertragstreue Roms ist es in Bezug auf Bozen im Rückblick nicht gerade zum Besten bestellt gewesen. Und wenn die SVP in diesem politischen Gärungsprozess nicht mehr zu bieten hat als die Proklamation der „Vollautonomie“, womit sie eingesteht, dass es sich im stets gepriesenen „Modell Südtirol“ allenfalls um eine Halb- oder Teilautonomie handelt, so dürfte sie womöglich ein „blaues Wunder“ erleben.

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Konrad Hermann Joseph Adenauer, (* 5. Januar 1876 in Köln; " 19. April 1967)

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