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Klare und bewegende Worte am Grabe Josef Noldins

Kategorie: Südtiroler Schützenbund

Von: SSB - Online Team
Mittwoch, 14. Dezember 2011

SALURN - Am Sonntag, den 11. Dezember 2011 fand in Salurn zum 32. Mal die Dr.-Josef-Noldin-Gedenkfeier anlässlich des 82. Todestages des großen Sohnes Salurns statt. Auch heute hat sein Wirken große Bedeutung für das aktuelle Südtirol.

Der jährlichen Gedenkfeier an der Salurner Klause wohnten auch dieses Jahr wieder rund 200 Schützen und eine Reihe prominenter Gäste bei, unter anderem die beiden Landtagsabgeordneten Ulli Mair und Sigmar Stocker, Salurns Vizebürgermeisterin Marlene Tabarelli, der Präsident der Bezirksgemeinschaft Oswald Schiefer, die Margreider Bürgermeisterin Theresa Gozzi und die Meraner Gemeinderätin Reinhild Campidell.

Nach der Messfeier marschierten die Gäste und die Schützenabordnungen zum Grab von Josef Noldin im Salurner Friedhof, wo auch dieses Jahr klare Worte fielen.

Der Salurner Schützenhauptmann Walther Ceolan analysierte die Politik im Lande und zog entsprechende Schlüsse daraus. Er kreidete vor allem an, dass das große Ziel, die Selbstbestimmung, längst aus den Augen verloren worden sei. Er rügte auch die deutschen Oppositionsparteien, sich im täglichen Kleinkram zu verlieren und über die gegenseitigen Zwistigkeiten das große Ziel, die Loslösung aus dem italienischen Staatsverband, zu vergessen.

In einer beeindruckenden Rede bedauerte Landeskommandant Elmar Thaler, dass heute weit und breit Männer mit einem Format von Josef Noldin fehlten. Während Josef Noldin auf die Freilassung aus seiner sibirischen Gefangenschaft verzichten wollte, um sich nicht als Italiener bekennen zu müssen, würden heutzutage allzu viele aus Überlegungen des persönlichen Vorteils nicht die Courage zum Bekenntnis zu haben.

Erneut forderte Thaler, dass die faschistische Toponomastik und die faschistischen Denkmäler endlich beseitigt werden sollen. Angesichts der italienischen Schuldenkrise äußerte er Unverständnis den lokalen politischen Größen gegenüber, welche die Bürger Südtirols erneut zu Steueropfern für einen hoffnungslos korrupten Staat aufriefen.

Im Anschluss an die Gedenkrede feuerte die Schützenkompanie Salurn eine Ehrensalve ab. Nach der Weise vom guten Kameraden endete die Feier mit der Landeshymne.

Brief an Josef Noldin von Elmar Thaler, Landeskommandant im Süden, Salurn, im Dezember 2011

Lieber Josef Noldin!

Wir stehen hier an deinem Grab, wie jedes Jahr, und fragen uns – wie wir uns das immer am Ende eines Jahres tun – was besser geworden ist, und wo wir ansetzen müssen in Zukunft. Und die Bilanz ist einmal mehr ernüchternd. Nicht, weil es uns nicht gut gehen würde. Nein, was wir zum Auskommen brauchen, haben wir, die meisten auch mehr. Auch die Schule, welche dir als Privatlehrer in der Verbotszeit so sehr am Herzen lag, hat aus uns Menschen gemacht, die sich mehr oder weniger gut in ihrer Muttersprache ausdrücken können. Freilich, die Brandschutzmauer zwischen den Volksgruppen, der muttersprachliche Unterricht in Volksschule und Kindergarten, wird hier und dort niedergerissen, weil einige von uns glauben, dass man am besten alle Sprachen gleichzeitig lernen muss. Und dabei auf unsere Besonderheiten keinen Wert legen. Aber es gibt Sorgen, die uns noch mehr drücken.

Die Einstellung zur Sache, unsere Standhaftigkeit, unser Einsatz, die sind zu schwach.

Dir, der du auf eine Heimkehr aus der russischen Kriegsgefangenschaft fast verzichtet hättest, weil du dich dabei als italienischer Staatsbürger erklären hättest müssen, wird das wohl eigenartig vorkommen. Wir haben zur Zeit eine Schuldenkrise, pardon Italien hat zur Zeit eine Schuldenkrise, und unsere Politiker glauben, es wäre unsere Pflicht, auf Gedeih und Verderb diesem Staat anzugehören. Und obwohl es keine Chance gibt, dass Länder wie Italien jemals im europäischen Kontext wettbewerbsfähig werden, müssen wir halt weiter einzahlen in diesen Topf. Jeder muss seinen Beitrag leisten, meinen unsere Politiker. Wofür weiß keiner.

Immer wieder, wenn wir einfordern, dass die Denkmäler des dir so verhassten Faschismus und die verwelschten Ortsnamen doch endlich entfernt werden sollten in unserem Land, dann ist vom Frieden die Rede. Vom Frieden, den wir doch endlich zu geben hätten. Du selbst, der als junger Kaiserjäger an der Front standest, verwundet wurdest, und der du wieder an die Front zogst, weißt selbst am besten, dass Frieden nicht das Schweigen der Waffen ist. Sondern eine Tugend, eine Geisteshaltung, eine Neigung zur Güte, Vertrauen und Gerechtigkeit. Diesen Frieden zu geben, wären wir wohl bereit. Wenn wir einen Partner hätten, der es ebenso gut mit uns meinte.

Ja lieber Beppo, wie fehlst du uns doch. Auch wenn dich niemand von uns mehr persönlich kannte. Wie fehlen uns seit dem 14. Dezember 1929 dein Wort und deine Tatkraft, deine unerschütterliche Willenskraft. Menschen von deinem Format. Wie sehr fehlen uns Politiker, die eigentlich Impulsgeber sein müssten - so wie du einer warst. Die Impulse, die heute von der Politik kommen, sind andere, hat man den Eindruck. Gar manch einer langt kräftig hin, und dein vorbildhafter, dein selbstloser Einsatz als Rechtsanwalt für all die armen Landsleute ist längst vergessen. Wir schöpfen gerade den letzten Rahm ab, von einer Autonomie, deren Ende nah scheint, und wissen nicht, ob wir uns darüber freuen, oder angesichts deines Loses, schämen sollten.

Du hattest ja angeblich am Tag deiner Verbannung gemeint, du wolltest dein Schicksal auf dich nehmen. Du wolltest nicht über die Grenze gehen, wenn dafür aus deiner Verbannung der Sache Heil erwachsen würde. Fast ist man nun geneigt zu sagen, es ist wohl für einige zu viel Heil daraus erwachsen.

In den letzten Jahren hat es immer wieder geheißen, ja, wenn die Autonomie angegriffen wird, dann kommt das Selbstbestimmungsrecht. Dann sind wir plötzlich alle Österreicher oder rufen zumindest einen eigenen Staat aus. Und immer, wenn es dann soweit ist - jetzt wäre es übrigens wieder soweit - dann ist Sendepause. Dann dreht und wendet man sich von verantwortlicher Seite und will weiter einem Staat angehören, der laut neuestem Ranking der Transparency International zu den korruptesten Ländern der Erde gehört. Ghana, Montenegro, Ruanda, Süd-Afrika und die Türkei sind nach dieser Auflistung viel besser dran als Italien. Und damit viel besser dran als wir.

Dafür bewerben wir uns momentan grad um den Titel "Europäische Kulturhauptstadt 2019". Zusammen mit Venetien, Friaul - Julisch Venetien, dem Trentino und der Stadt Venedig wollen unser Politiker von der Europäischen Union dazu auserkoren werden. Genau, lieber Beppo. Zu deiner Zeit, unter dem Faschismus, ist dieses Gebiet ja schon einmal zum Triveneto zusammengeschlossen worden. Und vielen von uns geht es genau so, wie es dir jetzt wohl gehen würde. Wir fragen uns, was unsere Kultur mit jener von Venedig und dem Friaul gemeinsam hat.

Wir fragen uns schlicht und einfach, wie man auf solch eine Idee kommen kann und man gleichzeitig eine wirklich gewachsene, über Jahrhunderte gewachsene und nur vom habgierigen und in dieser Hinsicht kulturlosen Italien auseinandergerissene Kulturregion ausklammert. Die Antwort wird uns spätestens im nächsten Mai präsentiert werden, wenn uns 400.000 Alpiniveteranen besuchen kommen und feierlich vor dem Siegesdenkmal in Bozen posieren werden. Dort steht es schließlich schwarz auf weiß, dass uns die Südländer die Kultur gebracht haben.

Lieber Josef Noldin, es war zu deiner Zeit nicht leicht, weil die Gewalt gegen alles deutsche, gegen alles Tirolische grob und brutal war. Heute aber ist es nicht leicht, weil der Einfluss gegen alles Deutsche und Tirolische ganz subtil ist.

Trotz allem: Uns bleibt dein Vermächtnis. Auf den Vorwurf deiner Mutter hin, du würdest dich übernehmen, du solltest dich doch zurückhalten, hast du selbst nach der Verbannung angeblich noch gemeint: "Ich täte es wieder, Mutter. Wenn alle so täten, wo wären wir Deutschen dann. Man darf sich nicht zu Boden drücken lassen, wir dürfen uns nicht zurückziehen". Diese Worte sind uns Auftrag. Wir werden uns nicht zurückziehen. Wir werden den von dir begonnenen Weg weitergehen. Bis deine, unsere Heimat wieder vereint ist.

Das verspricht dir dein Landeskommandant, das versprechen dir deine Schützen, deine Landsleute.

P.S.: Gerade gestern Abend hat mich aus dem Überetsch eine adventliche Frohbotschaft erreicht. Die Religionslehrerin hat dort in einer Volksschulklasse nachgefragt, was die Kinder sich denn vom Christkind wünschen. Neben den üblichen Sachen wie Computer, Skier und Handy war ein Bursch darunter, der einen ganz simplen Wunsch hatte: "Ich wünsche mir, dass Südtirol wieder zu Österreich kommt".

Es gibt sie also doch noch, die Lichtblicke.

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