Bericht zur Podiumsdiskussion "50 Jahre Feuernacht - Einsichten und Aussichten"
Kategorie: Südtiroler Schützenbund
Von: SSB - Online Team
Donnerstag, 16. Juni 2011
INNSBRUCK - Die Podiumsdiskussion zum Thema "50 Jahre Feuernacht - Einsichten und Aussichten" an der Universität Innsbruck, die vom Südtiroler Schützenbund organisiert worden war, war ein voller Erfolg. In einer lebhaften Diskussion zwischen Podiumsteilnehmern und Publikum wurden nicht nur spezielle Fragen zu den 60er Jahren erörtert, sondern es wurden auch verschiedene Zukunftsmodelle für Tirol besprochen.
Über 120 Interessierte, darunter sehr viele Jugendliche, aber auch Politiker wie Nationalrat Hermann Gahr, der Südtirol-Sprecher der ÖVP, Landtagsabgeordneter Sven Knoll von der Südtiroler Freiheit, außerdem ehemalige Südtirol-Aktivisten wie der Pusterer Bui Siegfried Steger sowie Vertreter des Andreas-Hofer-Bundes waren am 14. Juni 2011 der Einladung des Südtiroler Schützenbundes gefolgt, sich mit "Einsichten und Aussichten" anlässlich der 50 Jahre seit der Feuernacht auseinanderzusetzen.
Nach der Begrüßung durch Heinrich Seyr, den Landeskommandanten-Stellvertreter des Südtiroler Schützenbundes, eröffnete Moderator Alfred E. Mair die Podiumsdiskussion, an der der Publizist Hans Karl Peterlini (seine Neuauflage des Buches "Feuernacht. Südtirols Bombenjahre" ist erst vor wenigen Wochen erschienen), Univ.-Prof. Helmut Heuberger, Mitbegründer des BAS und nach der Feuernacht kurz an dessen Führungsspitze, der ehemalige Bundesratsabgeordnete und Südtirol-Aktivist Helmut Kritzinger, die Publizistin Birgit Mosser-Schuöcker - deren ORF-Produktion über die "Herz Jesu Feuer Nacht" ebenso erst kürzlich ausgestrahlt wurde), der ehemalige Tiroler Landeshauptmann Wendelin Weingartner sowie die beiden Freiheitskämpfer Herlinde und Klaudius Molling teilnahmen.
Hans Karl Peterlini ging auf das Zitat "Allzu oft sind die Helden der einen die Täter der anderen" ein. Auf die Frage, mit welchem Begriff die Aktivisten ab besten bezeichnet werden könnten, erklärte er, dass das Wort "Freiheitskämpfer" zu beladen sei, "Terroristen" hätte seit der RAF und spätestens nach dem 11. September eine andere Bedeutung erhalten, "Bumser" sei zu abwertend; nach dem, was sie taten, sei "Attentäter" die geeignetste Bezeichnung.
Prof. Helmut Heuberger erläuterte die damalige Situation und erklärte, warum er mitgemacht habe, obwohl seine Uni-Karriere dabei auf das Höchste gefährdet war. Seinen Freiheitskampf sah er wie eine "Einberufung", als eine Pflicht.
Helmut Kritzinger erörterte die Rolle der österreichischen Politiker und betonte, dass die maßgeblichen nicht nur eingeweiht waren, sondern die Anschläge auch begrüßten.
Klaudius und Herlinde Molling hingegen erklärten, dass friedliche Demonstrationen und "Lichterketten" in den sechziger Jahren ebenso unmöglich waren wie im Dritten Reich, und dass die Politiker bereits lange mit Plakaten, Transparenten und Parolen zum Handeln aufgefordert wurden - allerdings ohne Erfolg.
Wendelin Weingartner stellte klar, dass die "Was wäre wenn"-Frage im Zusammenhang mit den Sprengungen nie seriös und wissenschaftlich beantwortet werden könne. Dass aber die Feuernacht große Öffentlichkeitswirksamkeit hatte und sie unter der Mitte-links-Regierung Aldo Moro in Italien zu einem Umdenken in Italien führte, das läge auf der Hand.
Birgit Mosser-Schuöcker berichtete, dass sie bei ihren Recherchen zwar von Quästur und Staatsanwaltschaft freundlich behandelt wurde, aber de facto keine Unterlagen bekam; erst durch private Vermittlung erhielt sie Informationen aus Polizei- und Carabinieri-Kreisen, die sie in ihren Film und das entsprechende Buch einbauen konnte.
Dass die heutige Zeit sich geradezu anbiete, mit friedlichen Mitteln zu kämpfen, unterstrich Heinrich Seyr. Gewalt bringe nur Gewalt. Auch in Zukunft werde der Südtiroler Schützenbund mit Demonstrationen und anderen friedlichen Aktionen darauf hinweisen, wie viel Unrecht es in Südtirol immer noch gebe.
Nach einem Ausschnitt aus dem Film "Herz Jesu Feuer Nacht" gingen die Teilnehmer auf verschiedene Fragen aus dem Publikum ein. Unter anderem erläuterten sie die doch ambivalente Haltung Österreichs den Südtirolaktivisten, vor allem den politischen Flüchtlingen gegenüber. Einerseits wollte sich Österreich, das ja weder zur EG noch zur Nato gehörte und dementsprechend schwach war, nicht international diskreditieren, andererseits nahm es die Aktivisten auch in Schutz und bezahlte die Anwaltskosten für die gesamten Freiheitskämpfer der ersten Welle.
Anschließend wurden in einer lebhaften Diskussion, an der auch NR Hermann Gahr teilnahm, verschiedene Zukunftsmodelle für Tirol besprochen. Hans Karl Peterlini wies darauf hin, dass die Autonomie einen gewissen Schutz biete, der Nationalstaat aber nicht zwangsläufig die Identität vorgebe. Dabei unterstrich er die Brückenfunktion Tirols zwischen zwei verschiedenen Kulturräumen.
Helmut Kritzinger übte Kritik an der Utopie eines Freistaates Südtirol. Dafür würde es international nie Unterstützung erhalten. Vielmehr sollte an einem gemeinsamen Tirol gearbeitet werden. Viel mehr Unterstützung im Kampf gegen die faschistischen Relikte forderte er von Österreich; diese würden immer einen Triumph des Faschismus bedeuten und Pilgerstätten für Extremsten bleiben.
NR Hermann Gahr ging vor allem auf die noch offene Toponomastik-Frage ein und machte wenig Hoffnungen, dass dieses Problem noch unter dieser Landesregierung gelöst würde.
Wendelin Weingartner mahnte an, dass beim Gestalten des gemeinsamen Tirol oder der Europaregion Tirol das Trentino nicht vergessen werden dürfe. Ihm schwebe eine "Kulturzone Tirol" vor, in der die Sprache eine untergeordnete Rolle spiele. Auch warnte er vor der derzeitigen Strategie Italiens, Südtirol zu "umarmen". Zu leicht könne dem Land dabei die Luft ausgehen. Die Politik könne sich den Zukunftswünschen der Südtiroler nicht verschließen, wenn sie auf breitem Fundament stünden, so Weingartner abschließend.
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